Einführung in die Metatheorie der Physik

von Martin Ziegler

 


Inhaltsverzeichnis

  1. Was ist Metatheorie?
  2. Warum Metatheorie der Physik?
  3. Zwei Schulen
  4. Das L-Konzept: PT=(GB,AP,MT)
  5. GB, MT und AP
  6. Was habe ich davon?
  7. Literatur

Was ist Metatheorie?

"Meta" ist griechisch und bedeutet "nach". So hat Aristoteles den Teil seines Werkes, in dem es um die Frage des Seins geht, mit "Metaphysik" überschrieben, einfach weil er ihn nach der Abhandlung "Physik" erstellte.

Heute wird die Vorsilbe "Meta-" verwendet in der Bedeutung "über", und Metatheorie bezeichnet "das Reden über Theorien", fällt also unter den Rahmen "Wissenschaftstheorie" [1]. Insbesondere geht es darum, die Struktur existierender Theorien aufzudecken und darin Gemeinsamkeiten zu finden.

Eine mögliche Motivation, sich mit Metatheorie zu beschäftigen, liegt daher auch in der Hoffnung, daß sich dadurch WissenschaftlerInnen aus so verschiedenartigen Fachgebieten wie Soziologie und Theoretischer Physik eines Tages wieder zu einer gemeinsamen Verständigung in der Lage setzen: Indem sie nämlich über Struktur statt über Inhalte ihrer jeweiligen Arbeit reden.

Und um ein weitverbreitetes Mißverständnis auszuräumen: Metatheorie (der Physik) ist keine Alternative zu 'gewöhnlicher' Theoretischer Physik sondern verfolgt andere Fragestellungen. Sie darf auch nicht verwechselt werden mit "Metaphysik" im Sinne von Aristoteles, siehe oben!


Warum Metatheorie der Physik

Parallel zur gesamten Geschichte der Physik zieht sich wie ein roter Faden die Frage, was man eigentlich unter einer physikalischen Theorie verstehen soll. Zwar wurde und wird selbst heute noch von vielen Physikern die Ansicht vertreten, das sei "anschaulich klar". Doch wenn es konkret wird, tauchen sehr oft Kontroversen zutage, die auf unterschiedliche Beantwortung der obigen Frage zurückzuführen sind.

So hat beispielsweise Einstein der Quantenmechanik stets vorgehalten, sie mache nur statistische Aussagen und sei daher keine Theorie (im Sinne seiner vorgefaßten, unpräzisierten Vorstellungen). Oder Galilei, der die "Theorie" der von Gott konzentrisch um die Erde angebrachten sieben Sphären zur Beschreibung der Planetenbewegung nicht als physikalische Theorie akzeptierte und sich dadurch die katholische Kirche zum Gegner machte. Und auch die moderne Elementarteilchentheorie hat, trotz ihrer überwältigenden Erfolge und Vorhersagen, bis heute eine Form, die ihre Gegner als "Rezept" oder "Algorithmus" und nicht als "Theorie" bezeichnen.

Diese Beispiele verdeutlichen, daß wesentliche Revolutionen in unserem Naturverständnis stets mit metatheoretischen, das heißt über-physikalischen Fragestellungen, einhergingen (um nicht zu sagen: ihnen folgten). Auch der Pionier der Quantenmechanik, Louis de Broglie, der für seine Entdeckung der gleichnamigen Wellenlänge den Nobelpreis erhielt, war von Haus aus nicht Physiker sondern Historiker.


Zwei Schulen

Es geht also um die Frage, was eine Physikalische Theorie ist, beziehungsweise was man darunter verstehen will. Zur deren Beantwortung geht der Metatheoretiker genau so vor wie ein Experimentalphysiker: Er nimmt einen Sack voll Theorien als 'Meßwerte' und versucht, diese durch eine Kurve zu fitten, also induktiv von speziellen auf allgemeine Theorien zu extrapolieren. Und wie in der Experimentalphysik kann man auch hier das Ergebnis (die erhaltene Meta-Theorie nämlich) nicht 'beweisen' sondern allenfalls ihre Tauglichkeit heuristisch begründen beziehungsweise plausibel machen, und ebensowenig 'widerlegen'.

Damit scheint zusammenzuhängen, daß sich die verschiedenen Schulen zur Metatheorie der Physik hauptsächlich nichtsachlich auseinandersetzen. Zum Glück (vordergründig, in Wirklichkeit: leider) beschäftigen sich nur sehr wenige Physiker mit diesem Gebiet, und daher gibt es auch nur sehr wenige solcher Schulen. Drastisch vereinfacht und meinem beschränkten Wissen zufolge sind es im wesentlichen zwei, nämlich die Ludwigsche und die von Weizsäckersche. Das sogenannte S-Konzept von Sneed, Suppes und Stegmüller könnte als dritte Schule gezählt werden, stammt jedoch nicht von Physikern sondern von Wissenschaftstheoretikern.

Prof. Carl Friedrich von Weizsäcker geht in [2], wie übrigens auch Steven Hawking, von der Existenz einer alles beschreibenden Grand Unified Theory ("Weltformel") GUT aus, die nur noch nicht entdeckt ist. Alle anderen Theorien wären dann (nachträglich) Spezialfälle oder Näherungen der GUT, so wie die Elektrostatik ein Spezialfall der Maxwellschen Theorie oder die klassische Raumzeittheorie eine Näherung der allgemeinrelativistischen ist. Auf dieser Basis beantwortet er die oben genannte Frage (vereinfacht) so:

Eine Physikalische Theorie ist entweder die GUT oder eine durch Spezialisierung oder Näherung gewonnene Theorie.
Prof. Günther Ludwig hegt hingegen prinzipielle Zweifel, ob es eine GUT jemals geben wird, beziehungsweise ob wir Menschen als Teil der beschriebenen Natur zu dem dafür notwendigen übergeordneten Blickwinkel überhaupt fähig sind. Seine Vorstellung von Physik läuft auf einen Flickenteppich ('Mannigfaltigkeit') aus Theorien hinaus, die jede nur ihren spezifischen Teilbereich der Welt beschreibt ('Karten'). Die GUT entspräche dann einer globalen Karte, was es bekanntlich bereits bei der
Kugeloberflaeche im R^3
nicht mehr gibt. Prof. Joachim Schröter teilt in [4] diese Vorstellung, jedoch aus mehr pragmatischen Gründen: Solange eine GUT nicht gefunden ist, liefert die Weizsäckersche Antwort nämlich kein anwendbares Kriterium.


Das L-Konzept: PT=(GB,AP,MT)

Die Ludwig-Schule beantwortet die Frage, was eine Physikalische Theorie ist, in [3] bewußt überspitzt und plakativ mit der
(Meta-)Definition: Eine Physikalische Theorie im L-Konzept ist ein Tripel PT=(GB,AP,MT), wobei GB=Grundbereich, MT=Mathematische Theorie und AP=Abbildungsprinzipien.
Bevor wir dies im folgenden heuristisch motivieren, erläutern und plausibel machen, sei nochmals die Selbstverständlichkeit betont, daß man eine Definition niemals herleiten, begründen oder gar beweisen kann. Der einzige und essentielle Prüfstein einer Definition besteht in der Frage, ob sie sich bewährt; in diesem Fall also, ob möglichst viele existierende Theorien sich auf die Form PT=(GB,AP,MT) bringen lassen.

Bereits in der Schule lernt man, daß es Aufgabe der Physik ist, mittels Mathematik die Natur zu beschreiben (nicht zu erklären!). Diese Struktur spiegelt sich in den Komponenten des o.g. Tripels wider, wo nämlich MT die Mathematik ist, GB die Natur und AP der Zusammenhang zwischen beiden, also das Beschreiben. Daher ist die obige Definition vielleicht gar nicht soo an den Haaren herbeigezogen wie sie auf den Schreck beim erstmaligen Lesen hin gewirkt haben mag. Die Komponenten GB, MT und AP werden gleich näher betrachtet.


GB, MT und AP

Wenn ich vorhin sagte, GB sei die Natur, so war das nicht ganz präzise. Zum einen besteht das Charakteristische am L-Konzept ja gerade darin, daß eine Theorie im allgemeinen nicht die gesamte Natur beschreibt, und dementsprechend braucht GB sich auch nur auf einen Teil von ihr zu beziehen. Die andere Unexaktheit wird aufgedeckt durch die Frage, ob es überhaupt eine Wirklichkeit/Natur gibt außerhalb unseres Denkens. Dieses ontologische Problem läßt sich zum Glück leicht lösen, indem man "Natur" ersetzt durch "Wirklichkeitsbeschreibung". Für weitere Details zur Definition von GB sei auf [3] oder [4] verwiesen.

Analog stellt MT nur einen Teil der Mathematik dar, und zwar in der formalsprachlichen Formulierung nach Bourbaki [5] oder Edwards [6]. Deren Vorteil liegt darin, daß sie auf unterster Ebene keine "mathematischen Objekte" (Funktionen, Mengen etc) behandelt, sondern völlig inhaltsleere Zeichenreihen bar jeder Anschauung, und so das o.g. Ontologie-Problem umgeht. (Selbstredend wird man aus praktischen Gründen die Zeichenreihen doch mit Anschauung belegen, aber im Prinzip geht es eben auch ohne.) Zu dieser Mathematik kommen in der Regel noch zusätzliche Axiome, in der Physikalischen Theorie "Elektrodynamik" beispielsweise die Maxwellschen Gleichungen.

Beachte, daß div B = 0 niemals ein "Naturgesetz" ist sondern eine rein mathematische Aussage über die Funktion B. Physikalische Bedeutung gewinnt sie erst über die Abbildungsprinzipien AP, um die es in diesem Abschnitt geht. Ihre Aufgabe ist es, einen Zusammenhang zwischen Mathematik und Natur herzustellen, genauer: zwischen gewissen Teilen der Mathematik (MT) und gewissen Teilen der Natur (GB). Daß dabei nicht alles aus MT mit Physik belegt werden kann, scheint trivial (z.B. kommt das Theorem "e ist transzendent" in nahezu jeder MT vor), wird aber doch immer wieder vergessen, wenn bestimmte 'Wissenschaftler' von überlichtschnellen Teilchen, imaginärer Zeitachse oder "strange matter" reden.

Auch zu MT und AP gibt es in [4] mehrere hundert Seiten, auf die ich alle diejenigen verweisen muß, deren Interesse hier in diesem Rahmen nicht gestillt werden kann. So wird beispielsweise AP selbst wieder als Tripel (R,N,Z) definiert mit genau spezifizierten Komponenten.


Was habe ich davon?

Wer sich mit Theoretischer Physik beschäftigt hat, sieht ein, daß handelsübliche Theorien nicht so aussehen wie von Ludwig gefordert, sich jedoch auf diese Form bringen lassen (z.B. ebene Geometrie [4], Quantenmechanik [10], [8] etc). Warum aber sollte man die (große!) Mühe einer solchen Konvertierung auf sich nehmen, zumal dabei ja gerade nichts inhaltlich Neues herauskommt?

Nun, die Frage suggeriert es bereits: Man erhält strukturelle Einsichten, die sehr wohl über das bisher Bekannte hinausgehen können. Beispielsweise tauchen bei der Raumzeittheorie im L-Konzept [7] die Lorentztransformationen an einer ganz anderen Stelle auf, als man so erwartet hätte.

Ein weiterer Vorteil besteht darin, daß die betrachtetet Theorie einmal explizit hingeschrieben wird: Positiv für den Rezipienten, weil der so eine handfeste Diskussionsgrundlage in die Hand bekommt, die für wissenschaftliche (!) Dispute sich als sehr wichtig erwiesen hat. Positiv aber auch für den Verfasser, der gewisse Lücken unter Umständen erst dabei entdeckt, die er vorher übersehen hat. Dieser Effekt ist nicht zu unterschätzen und wird von jedem bestätigt, der schon mal eine Vorlesung gehalten hat.

Liegen Theorien erstmal im L-Konzept vor, so ist damit quasi ein "Nadelöhr" überwunden. Dann eröffnet sich einem das weite Gebiet der Theorie-Vergleiche; man kann Theorien einschränken und einbetten, durch andere Theorien begründen [9,10] und vieles mehr, wie beschrieben in [4].


Literatur

[1] H.Tetens: "Experimentelle Erfahrung", Meiner 1987

[2] C.F.v.Weizsäcker: "Aufbau der Physik", Hanser 1985

[3] G.Ludwig: "Die Grundstruktur einer physikalischen Theorie",
    Springer 1978

[4] J.Schröter: "Zur Meta-Theorie der Physik", de Gruyter 1996

[5] N.Bourbaki: "Theorie des ensembles", Diffusion C.C.L.S Paris 1970

[6] Edwards: "A formal Background to Mathematics", Springer 1979

[7] J.Schröter, U.Schelb: "On the Relation between Space-Time Theory
    and General Relativity", ZiF Uni Bielefeld 1993

[8] R.Meister: "A Structural Analysis of the Ehlers-Pirani-Schild
    (EPS) Space-Time Theory", Preprint Uni-GH Paderborn 1994

[9] A.Ferderer: "Zur Axiomatik der klassischen Physik",
    Diplomarbeit Uni-GH Paderborn 1996

[10] F.Hättich: "Quantenmechanik im L-Konzept",
    Diplomarbeit Uni-GH Paderborn 1996