Nachruf Günther Ludwig

Am 8. Juni 2007 verstarb Prof. Dr. Günther Ludwig. Er war ein beeindruckend gründlich denkender Forscher und überzeugender Lehrer mit klarer Sprache, der viele jüngere Kollegen über die Diskussion der Probleme der Grundlagen der Physik zu Arbeiten auf den unterschiedlichsten Gebieten der Theoretischen Physik angeregt hat.

Günther Ludwig wurde 1918 bei Eberswalde in Brandenburg geboren. Er studierte an der damaligen Friedrich-Wilhelm-Universität (jetzt Humboldt-Universität) Physik und Mathematik und promovierte 1943 mit einer Arbeit in angewandter Mathematik. Schon vor dieser Zeit und dann bis Kriegsende arbeitete er dienstverpflichtet bei der Heeresversuchsanstalt Peenemünde.
Seine dreijährige Assistentenzeit in Göttingen brachte ihn nach dem Krieg mit Koryphäen der modernen theoretischen Physik wie Werner Heisenberg und Pascal Jordan in Verbindung.
1949 folgte er einem Ruf auf einen Lehrstuhl an die gerade gegründete Freie Universität Berlin, wo er sich mit großer Energie dem Aufbau eines geordneten Lehrbetriebes und der Organisation und Betreuung einer weit gespannten Forschung widmete, deren Themen sich von der angewandten Hydromechanik, Problemen des quantenmechanischen Messprozesses, Fragen der statistischen Mechanik bis zur Quantenfeldtheorie erstreckten.
Es ist seinem Wirken und seinem Ruf geschuldet, dass die Physik an der Freien Universität Berlin schon sehr schnell eine Magnetwirkung entfaltete, die viele begabte Studenten an diese Universität zog. Schließlich sind schon aus dem Kreis seiner Berliner Schüler 13 Professoren hervorgegangen, die sich später ganz unterschiedlichen Forschungsgebieten widmeten. Die damalige Situation ist sehr eindrücklich von einem seiner Schüler, dem Emeritus der Theoretischen Physik, Prof. Wolfgang Weidlich an der Universität Stuttgart in einem Vortrag zum 50 jährigen Bestehen der Freien Universität beschrieben worden: "Der herausragende akademische Lehrer war für uns angehende theoretische Physiker natürlich Günther Ludwig. Seine Gebiete waren die Grundlagen der Quantentheorie und die Quantenfeldtheorie. Schon 1950 war man auf der Höhe der Zeit, wenn man etwa die Ausarbeitung eines Ludwigschen Seminars über Quantenelektrodynamik von Georg Süßmann las. Das Lehrbuch "Grundlagen der Quantentheorie" von Ludwig im Jahre 1954 übertraf an Tiefe alle vergleichbaren Bücher auf dem Markt.“
In der Berliner Zeit begann auch eine enge Zusammenarbeit mit Kollegen der Universität Mailand. Bleibende Wirkung hat er mit dem o.g. „gelben Buch" in der Physikdidaktik in Italien hinterlassen. Der mathematische Anhang in diesem Buch, der eine sehr knappe und strenge Darstellung der für die Quantenmechanik wichtigen Hilbertraummathematik enthält, gab den Anlass für die Entwicklung eines Mathematik-Kurses zunächst an der Universität Mailand und später an anderen italienischen Universitäten.

1963 wechselte Ludwig auf einen Lehrstuhl für Theoretische Physik an der Philipps-Universität Marburg, wo er bis zu seiner Emeritierung 1983 lehrte.

Wie ein roter Faden zieht sich die Suche nach der Antwort auf die Frage "was kann man mit einer Physikalischen Theorie über die Wirklichkeit erfahren?" durch Günther Ludwigs wissenschaftliches Oeuvre. Auslöser war sicherlich die Debatte um die Rolle des Beobachters in der Quantenmechanik, an der sich Ludwig in seiner Berliner Zeit beteiligt hat. 
In Marburg setzte Günther Ludwig seine Arbeiten zum Verhältnis von Quantenmechanik und statistischer Physik verstärkt fort und begann mit einem axiomatischen Aufbau der Quantenmechanik. Nach seiner festen überzeugung war die Quantenmechanik nicht uneingeschränkt und unergänzt auf die Makrowelt anwendbar. Bei seiner axiomatischen Grundlegung der Quantenmechanik ging er daher von objektiv beobachtbaren Objekten und Relationen aus, um damit die Hilbertraumstruktur der Quantenmechanik zu begründen und dann die Vereinbarkeit der Quantenmechanik mit den Eingangsannahmen zu zeigen. Eine Reihe neuer begrifflicher wie theoretischer Elemente der Grundlagen der Quantenmechanik verbindet sich mit seinem Namen. Die Resultate seiner Arbeiten fasste Ludwig in Monographien zusammen, in denen auch die zu Grunde liegende Konzeption sichtbar wurde. Charakteristisch war die ausgeprägte Selbständigkeit seiner Ansätze und Ideen.
Die Frage nach der Möglichkeit, Kenntnisse über die Natur zu erhalten, wurde zunehmend zum Hauptgegenstand seiner Arbeit. Durch eine auch mathematisch formale Analyse dessen, was man als Physiker macht, hat er versucht eine Antwort zu finden, die er wieder in einer Monographie "Die Grundstrukturen einer physikalischen Theorie" niederlegte. Diese Monographie hat er nach seiner Emeritierung auch unter dem Einfluss reger Briefwechsel unter anderem mit Erhard Scheibe mehrfach überarbeitet.

In seiner Lehrtätigkeit gelang es Ludwig stets, durch das Hinterfragen von scheinbar Evidentem die wissenschaftliche Neugier seiner Hörer zu wecken. Auch bevorzugte er es, Gedanken und Problemlösungen in den Vorlesungen neu zu entwickeln. Seine zahlreichen Vorträge und Lehrbücher waren durch eine klare Sprache und das Bemühen gekennzeichnet, Hörer und Leser vor voreiligen Schlüssen und leichtfertigen Verallgemeinerungen zu bewahren.
Durch seinen herausragenden wissenschaftlichen Ruf hat Günther Ludwig zahlreiche begabte Studenten nach Marburg gezogen und viele Schüler zu selbständigen Arbeiten in verschiedenen Bereichen der theoretischen Physik motiviert.

Ludwig pflegte eine Abneigung für Bürokratie und Wissenschaftsverwaltung, war so auch nicht Mitglied in überregionalen Gremien und Wissenschaftsorganisationen.
So sehr Ludwig für seine fachlichen überlegungen die selbständige individuelle Arbeit bevorzugte, so hatte er besondere Freude am Austausch mit fachfremden Kollegen, insbesondere Theologen und Philosophen, zu Themen wie zum Raum- und Zeitbegriff oder zur Interpretation von Theorien oder Modellen. Dieses belegen viele Vorträge und seine Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften und Literatur, Mainz, und im Istituto Lombardo Accademia di Scienze e Lettere, Mailand. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass Ludwig als überzeugter Christ seine Gedanken zur Vereinbarkeit von Glaube und strengem naturwissenschaftlichem Denken in einem Taschenbuch dargelegt hat.

Olaf Melsheimer und Holger Neumann